Das vermächtnis von astaba I - leseproben
Die Legende
Als die Zeit noch jung war und der Ursprung seinen Atem in die Weiten der Schöpfung hauchte, durchbrach ein Licht die Dunkelheit, und in seinem Schein wurde die Wahrheit sichtbar. Aus ihr entstanden sieben Gaben, die dem Menschen ins Herz gelegt wurden. Sie sollten in ihm leuchten und den Weg zu seiner Bestimmung weisen. Denn,
wo Weisheit wirkt, lernt der Mensch, das Maß zu halten und den tieferen Sinn in den Dingen zu erkennen;
wo sich Erkenntnis entfaltet, öffnen sich die Augen für das, was hinter den Worten liegt;
wo Rat angenommen wird, finden selbst Verirrte den Weg durch Zweifel und Verwirrung;
wo Wissen leuchtet, vollendet der Mensch seine Werke;
wo Stärke sich erhebt, weichen Furcht und Mutlosigkeit, und der Mensch steht fest wie ein Baum am Wasser;
wo Frömmigkeit lebt, sucht das Herz nicht nur sich selbst, sondern den Einklang mit allem;
wo Ehrfurcht sich zeigt, erkennt der Mensch, dass das Leben größer ist als er selbst, und Stolz verwandelt sich in Demut.
Nicht alle Menschen vermochten den kostbaren Schatz zu erkennen, der tief in ihrem Innern schlummerte. Viele lehnten die Wahrheit als Gabe ab und sahen in ihr stattdessen ein Werkzeug, um ihren eigenen Willen durchzusetzen. So legte sich ein Schleier über ihre Herzen, und in der Welt breitete sich eine Sehnsucht nach dem aus, was verloren schien. Zwar glomm in manchem Menschen noch ein Funke der sieben Gaben, doch niemand konnte die Wahrheit in ihrer ganzen Fülle tragen. Was einst gewesen war, lebte nun nur noch in Fragmenten fort. Die Sehnsucht des Lichts sank hinab in die Tiefen des Mar Aletheia, des Meeres der Wahrheit. Dort nahmen uralte Muscheln den Schmerz auf und hüllten ihn in Schichten aus Erinnerung, bis schließlich sieben Perlen entstanden. In ihnen war das Licht der Wahrheit gebannt und sicher verwahrt. Sie sollten tief unten ruhen, bis ein Mensch zurückkehrte, dessen Herz das Licht wieder tragen konnte.
So geschah es, dass in Astaba ein Mann heranwuchs, der den Schleier des Vergessens nicht trug.
...
PROLOG
Amariel hatte die engen Gassen hinter sich gelassen. Das Abendlicht legte sich zart auf ihre Schultern, als sie die schmale Seitentür der Kathedrale von St. Pierre in der Altstadt von Genf erreichte. Ein unscheinbarer Eingang, verborgen im Schutz der ehrwürdigen Mauern, den kaum jemand beachtete und der vielleicht gerade deshalb für Fremde einladend wirkte. Vorsichtshalber sah sie sich noch einmal um. Doch sie war allein. Dann drückte sie die schwere Holztür auf und trat in die stille Kirche. Eine ältere Frau kniete mit geschlossenen Augen in einer Bank und murmelte das „Vaterunser“ leise vor sich hin. Ein kühler Luftzug empfing Amariel, als sie die geschwungene Treppe zur Krypta hinabstieg. Stufe um Stufe versank sie tiefer im Halbdunkel. Irgendwo tropfte Wasser, und das Echo ihrer Schritte hallte wider. Isidor stand bereits in einer gewölbten Kammer.
Er war gestern Sonntag von Sevilla zurückgekehrt, eingehüllt in einen grauen Mantel, den Hut tief ins Gesicht gezogen. Mit seinen groben Schuhen und dem Hut wirkte er äußerlich wie ein gewöhnlicher Wanderer, doch seine Erscheinung strahlte eine stille Bedeutung aus. Wenn seine Augen unter der Krempe sichtbar wurden, leuchteten sie mit einer Güte, die Trost schenkte. Während er im Schatten verharrte, unscheinbar und unauffällig, entstand das Gefühl, einem Heiligen zu begegnen. In seiner Nähe verlor selbst die Unruhe ihre Schärfe, und die Welt um ihn herum schien sich zu verwandeln.
„Amariel! Yehi nur imach“, sagte er lächelnd, und in Amariels Augen glühte die gleiche Freude. Sanft legte sie ihre Hand auf seinen Arm – dieses stille Gefühl, endlich angekommen zu sein, erfüllte sie. Ein Moment voller Ruhe, in dem sie nichts festhalten oder verbergen musste, denn hier gab es jemanden, der sie wirklich kannte.
„Isidor …“, flüsterte sie beruhigt. „Ich bin so froh, dich wiederzusehen. Das Licht sei auch mit dir.“ Seine Züge entspannten sich, die Härte des Reisens wich, und für diesen Moment war er kein Bote mehr, sondern der alte Freund, den sie kannte. Sie lachten sich vertraut an und vergaßen für einen kurzen Moment den Ernst der Lage.
„Sag schon“, fragte sie ungeduldig, „hast du das Schreiben dabei?“ Isidor schüttelte den Kopf. Sein Mantel raschelte im Halbdunkel, und irgendwo im Gewölbe tropfte Wasser.
„Leider nicht.“
Amariel riss ungläubig die Augen auf, ihre Finger lösten sich langsam von Isidors Arm.
„Nein?“
...
KAPitel 15
Draußen stand ein Mann, eingehüllt in einen langen Regenmantel. Sein Hut war tief ins Gesicht gezogen, sodass seine Züge nur vage zu erahnen waren. Für einen kurzen Moment herrschte absolute Stille. Mantel und Hut. Konnte es sein, dass es sich bei diesem Mann um den Geschäftspartner von Shimon handelte? Amariel und er flüsterten leise über eine Karte, tauschten ein kurzes verschworenes Lachen aus, ehe er hastig eine Schatulle aus seiner Manteltasche zog, diese Amariel gab und das Wort ‚Krypta‘ fallen ließ.
Krypta? Die beiden wechselten noch ein paar schnelle Worte, bevor sie sich schließlich verabschiedeten. Der Fremde wandte sich ab, Amariel schloss die Tür, und instinktiv trat ich ein paar Schritte zurück.
„Elaya?“, rief sie mir fragend zu. „Ein Bekannter hatte eine Frage. Ich bin gleich zurück.“ Mit der Schatulle in der Hand stieg sie die Treppe hinauf und verschwand hinter ihrem Zimmer. Ich blieb stehen, reglos, unfähig, mich zu rühren. Jeder Laut im Haus schien überdeutlich zu hallen. Die Minuten zogen sich endlos, bis ich endlich wieder Amariels Schritte hörte. Als wäre nichts geschehen, kam sie die Treppe runter und betrat das Wohnzimmer. Doch in mir brannte die Frage nach der Schatulle und der Krypta wie ein ungestümes Feuer. Das Bild des Mannes im Mantel blieb scharf in meinem Gedächtnis haften. Konnte es der Fahrgast gewesen sein, den ich im Bus gesehen hatte?
„Wer war das?“, fragte ich. Amariel antwortete nicht. „Er hat von einer Krypta gesprochen. Was hat er genau gemeint?“ Für einen kurzen Augenblick starrte sie mich an.
„Krypta?“, wiederholte sie mit einem Anflug von Heiterkeit. „Möchtest du einen Tee?“ Sie ging in die Küche, und ich folgte ihr.
„Danke, nein“, antwortete ich unsicher. „Amariel, er hat von einer Krypta gesprochen. Was meinte er damit?“
Sie füllte den Wasserkessel, stellte ihn auf den Herd, nahm einen Teebeutel aus der Dose, drückte etwas Agavensirup aus einer Tube in die Tasse und wartete, bis das Wasser zu kochen begann.
„Hast du mich ausspioniert? Wie kannst du dir so sicher sein, was er gesagt hat?“
„Ich habe es gehört!“, erwiderte ich. „Meinte er die Krypta der Königskrone?“ Amariel atmete tief ein, schob sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht.
„Du hast vielleicht nicht richtig zugehört, Elaya. Er sagte ‚Skripta‘ und nicht ‚Krypta‘.“ Ich blieb wie erstarrt stehen.
...
KAPitel 28
...
Der Schlüssel fühlte sich kühl in meiner Hand an. Einen Moment blieb ich stehen und dachte: Vielleicht wartet nicht die Tür auf mich, sondern ich schon lange auf sie. Schließlich drehte ich den Schlüssel, und mit einem hörbaren Klicken sprang das Schloss auf. Die Treppenstufen ächzten bei jedem Schritt, der fahle Lichtschein, der durchs Kellerfenster fiel, brach sich im Staub. Unten angekommen, trat ich erneut auf den Boden aus festgestampfter Erde und brüchigen Steinplatten, genau dort, wo ich beim letzten Besuch gestanden hatte. Vor mir stapelten sich schief verzogene Gestelle, deren Schatten sich an den Wänden entlangzogen und bei jedem Schritt neu formten. Sie wirkten wie stumme Zeugen längst vergangener Zeiten. Ich kniff die Augen zusammen, um mich in dem spärlichen Licht zurechtzufinden. In den Regalen standen leere Kisten und eingefallene Leinensäcke, die einst vielleicht Kartoffeln oder Getreide beherbergt hatten. Daneben reihten sich staubige Tonkrüge und dunkle Weinflaschen nebeneinander auf. Von der Decke hingen Bündel getrockneter Kräuter herab, deren würziger Duft sich mit dem Geruch von Moder, kaltem Stein und feuchter Erde vermischte. Mein Blick glitt über die kühlen Steinwände, während ich nach der Muschel suchte, die ich einst gesehen zu haben glaubte, nach diesem flüchtigen Bild, das sich mir eingebrannt hatte. Doch außer blankem, glattem Stein war nichts zu entdecken.
Enttäuscht wollte ich mich wieder umdrehen und nach oben gehen, da fiel mein Blick auf eine hölzerne Kiste in der hinteren Ecke neben der Tür. Ich trat näher, kniete mich nieder und betrachtete sie genau. Das Holz war grob gezimmert, die Oberfläche rau und von feinen Rissen durchzogen. Schwere Eisenbeschläge hielten die Kiste zusammen; ihre einstige Brillanz war matt geworden, sodass sie dunkel und stumpf schimmerten. Das Schloss hing locker am Eisenring und war nicht verriegelt. Gerade das löste eine seltsame Unruhe in mir aus. Warum war die Kiste nicht verschlossen? Als ich den Deckel anhob, stieg mir ein staubig-metallischer Geruch in die Nase. Die Zeit schien an den Dingen darin jedoch spurlos vorübergegangen zu sein. Alles war sorgsam aufbewahrt, nichts wirkte vergessen.
Obenauf lag ein sorgfältig gefaltetes Stück Leinen. Es schien sehr alt zu sein, seine Fasern schienen Erinnerungen in sich zu tragen. Ich bemerkte die feine Stickerei an den Rändern, so blass und abgetragen, dass die Linien nur aus einem bestimmten Winkel sichtbar wurden. Beim genaueren Hinsehen zeichnete sich ein Muster ab, das wie ein altes Zeichen wirkte, dessen Bedeutung längst verloren schien. Für einen Moment erinnerten die Formen an Muscheln, dann wieder an ineinander verschlungene Initialen. Das Tuch kam mir vertraut vor. Irgendwo hatte ich es schon einmal gesehen. Aber wo und wann?
Vorsichtig hob ich das Leinentuch an, und darunter lag ein antikes Schwert mit einer matt schimmernden Klinge. Fasziniert betrachtete ich seine Oberfläche, die dunkel und zugleich lebendig wirkte, mit zarten, kaum sichtbaren Mustern, die sich wie eingefrorene Wellen über das Metall zogen. Der Traum kam mir wieder in den Sinn, in dem das Wesen ebenfalls ein Schwert getragen hatte. Ein Schaudern lief mir den Rücken hinab. Dieses metallische Kratzen, das sich durch die Dunkelheit gezogen hatte, wirkte wie eine Warnung – und das erfüllte mich mit Angst.
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